Wie einst Lilly – Tatort Wiesbaden – Folge 781

by on 28. November 2010

Zum 40jährigen Jubiläum des Tatort feiert Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot in „Wie einst Lilly“ (HR) sein Debut. Murot lebt allein als ewiger Junggeselle und er scheint sich bereits früh in seinem Leben diesem Schicksal ergeben zu haben, Frauengeschichten sind ihm zumindest fremd. Er ist dabei stets gut gekleidet, trägt seinen Anzug mit Stolz zu wechselnden Hemden. Als LKA-Ermittler wirkt er dabei oft zynisch und harsch, aber immer mit scharfsinnigem Blick ausgestattet. Murot polarisiert, mal freundlich charmant, mal unangenehm düster. Seine Art kommt nicht bei Jedem an, der bisherige Erfolg seiner Ermittlungen spricht allerdings für ihn.

Beim LKA hat er in Person von Sekretärin Magda Wächter eine Vertraute gefunden, die ihm mit ihrer umwerfenden Charme immer wieder den Rücken für Alleingänge freihält. Murot leidet häufiger unter Kopfschmerzen, die sich bei einer Routineuntersuchung als Hirntumor entpuppen. Die Ärzte können keine Prognose zu Heilungschancen und Krankheitsverlauf machen, raten allerdings zu einer Bestrahlungstherapie, die Murot ablehnt.

Ausgerechnet in dieser Gemütslage führt ihn der aktuelle Fall an den hessischen Edersee, eine Stätte seiner Kindheit, zurück. Ein Mann wird erschossen in einem Ruderboot gefunden. Daneben liegt eine Waffe, die ersten Ermittlungen zufolge aus dem Umfeld der RAF stammen soll. Die hiesige Polizei will die Ermittlungen abschließen und den Tod als Selbstmord abstempeln. Mit dieser Theorie ist Murot jedoch nicht einverstanden und geht seinen eigenen Ermittlungen nach. Dazu mietet er sich ein Zimmer in einer kleinen Pension direkt am Edersee, in der schon der Tote vor seinem vermeintlichen Selbstmord gelebt haben soll. Murot dringt tiefer in die Recherche ein und schon bald ist er sich sicher, dass der Tote kein Suizidopfer ist, denn als Journalist war dieser an einer brisanten Geschichte beteiligt.

Die Chefin der Pension Jana Maitner (Martina Gedeck) erinnert Murot an seine Jugendliebe Lilly, die er seit damals nicht vergessen konnte. Immer tiefer in den Fall einsteigend beginnt Murot eine Sensibilisierung zu erlangen, die ihm bisher völlig fremd war. Er nimmt plötzlich Dinge wahr, die andere Menschen weder registrieren noch begreifen können. Es scheint, als gebe ihm der Hirntumor die Fähigkeit noch sensibler und feinsinniger zu ermitteln. Für Murot selbst beginnt mit „Wie einst Lilly“ eine neuer Lebensabschnitt als LKA-Ermittler, ein Kapitel aus Traum und Wirklichkeit und zwischen Leben und Tod.

Sebastians Bewertung: ★★★★★★★★☆☆

Schon zu Beginn wird klar, dass ein Tatort mit Felix Murot keine actionreiches Feuerwerk der Handlung sind kann, sondern eher ein feinfühliges Ermitteln in sanfter Melancholie. Die Handlung und Plot sind wohlbedacht, wirken zu keiner Zeit konstruiert und erlauben aktives Mitermitteln beim Zuschauer. Tukur selbst brilliert als Darsteller und liefert ein erfrischendes Debut eines Kommissars, der ganz ohne Klischees daherkommt. Kamera, Bild und Musik bilden von Anfang an eine perfekte Symbiose und runden den “Wie einst Lilly” in der Gesamtheit ab.

Die einzige vorhaltbare Schwäche zeigt sich durch die Trägheit und Depression des Schauspiels, was sich bisweilen in einigen kleineren Längen widerspiegelt. Insgesamt ist “Wie einst Lilly” ein sehr starkes Debut von Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot. Auch wenn ich persönlich meist frische, witzige Tatorte mit reichlich Humor bevorzuge, kam Murot mit seiner zynischen Schwere gut an. Ein anderes, bisher unbekanntes Tatorterlebnis, dass richtig Lust auf weitere Folgen des neuen Tatort Wiesbaden macht.

Majas Bewertung: ★★★★★★☆☆☆☆

Ich habe den heutigen Tatort “Wie einst Lilly” mit großen Erwartungen begonnen, die einerseits dem neuen hessischen Tatort Wiesbaden galten, andererseits dem Schauspieler Ulrich Tukur, dem LKA-Ermittler Felix Murot.

Bereits zu Beginn fühlt man sich in eine vergangene Zeit zurückgesetzt. Es scheint als sei dieser Tatort bereits vor vielen Jahren gedreht worden, denn die braun-beigen und grauen Bilder überwiegen sehr. Alles wirkt irgendwie trostlos, so auch der Edersee, an dem diese Folge spielt. Zudem kömmt Trägheit und Schwerfälligkeit auf, die einen bis zum Schluss begleitet. Die Zeit scheint stillzustehen oder schier endlos zu sein. Die Kameraführung ist die gesamten 90 Minuten über sehr ruhig, es gibt keine schnellen Schwenks, was die langsame Handlung unterstützt. Doch die farblosen Szenen untermalen auch Murots Krankheit, die ihn mehr und mehr plagt. Der LKA-Ermittler hat einen Hirntumor und wird von Schmerzattaken heimgesucht, ermittelt jedoch weiter. Er ist ein typischer Alleingänger, der sich nicht auf andere beruft. Außerdem leidet er zunehmend an Wahrnehmungsstörungen, die sich in Form von Rückblenden und Stimmen äußern und Erinnerungen wachrufen, denn er wuchs in der Gegend am Edersee auf.

Tukur überzeugt als neuer Ermittler des Hessischen Rundfunks und gibt eine gute Figur ab. Auch, wenn ich mir mehr erhofft hatte, freue ich mich auf seinen nächsten Einsatz. “Wie einst Lilly” ist zudem ein Beispiel, dass nicht jeder Tatort vor Spannung strotzen muss – auch die langsamen Folgen sind eine angenehme Abwechslung. Leider hat mir jedoch bis zum Schluss der Durchblick gefehlt, denn einige Verwirrungen zogen sich durch die gesamte Sendezeit.

Sendeinformationen

Sendelänge: 88:44
Drehbuch: Christian Jeltsch
Regie: Achim von Boerris
Erstsendung: 28.11.2010
Produktionssender: HR
Drehort: Frankfurt am Main, Edersee, Bad Wildungen, Waldeck, Nieder-Werbe
Bildformat: 16:9
Redaktion: Liane Jessen, Jörg Himstedt

Besetzung

Felix Murot [Ermittler beim LKA] – Ulrich Tukur
Magda Wächter [Sekretärin] – Barbara Philipp
Jana Maitner [Pensionswirtin] – Martina Gedeck
N.N – Fritzi Haberlandt
N.N – Vadim Glowna
N.N – Martin Brambach
N.N – Lars Rudolph
N.N – Holger Handke
N.N – Frederike Linke
N.N – Fritz Roth

Stab

Continuity – Béatrice M. Hoffmann
Erster Aufnahmeleiter – Rüdiger Spieth
Garderobe – Krisha Lindner
Kamera – Bernd Fischer
Produktionsleitung – Uli Dautel
Regieassistenz – Daniel Lukoschus
Set-Aufnahmeleitung – Anna König
Standfotografie – Johannes Krieg
Szenenbild – Börries Hahn-Hoffmann

Einen schönen Bericht zum neuen Tatort mit Ulrich Tukur gibt es auch bei DerWesten.

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Wie einst Lilly - Tatort Wiesbaden - Folge 781, 9.0 out of 10 based on 17 ratings

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Johanna Dezember 30, 2010 um 08:45

Danke für den ausführlichen Überblick zum Thema

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